politik
6Minuten
27. Januar 2026

Eine Fahrt auf den sieben Meeren

Von Ahmet Özay

Historiker haben nur einer Handvoll von Staaten und Herrschern die Vorstellung zugesprochen, die Weltherrschaft symbolisiert: der Anspruch, „Herr der sieben Klimazonen und der sieben Meere“ zu sein.
In der Vergangenheit wurden zeitweise das portugiesische, das spanische und das osmanische Reich mit diesem Titel bezeichnet. Diese Ausdrucksweise, die auf Herodot zurückgeführt wird, bildet die Grundlage einer mediterran geprägten Weltsicht.
Unter den osmanischen Sultanen Mehmed dem Eroberer und Süleyman dem Prächtigen herrschte eine Machtentfaltung, die dem Geist dieses Anspruchs entsprach. Später jedoch sperrte ein Schiff italienischer Herkunft unter griechischer Flagge, die Averof, die osmanische Flotte im Marmarameer ein. Darauf folgten die Jahre des Zweiten Weltkriegs, in denen man unter dem Druck der nie enden wollenden Drohungen Mussolinis stand, „ins Schwarze Meer vorzustoßen“.

Wir stehen am Beginn einer Epoche, in der der türkischen Armee neue Ziele und neue Verantwortungen zugedacht sind. Zugleich befinden wir uns an der Schwelle einer Auseinandersetzung zwischen potenziellen Opfern und potenziellen Tätern.
Die Sorge vor einer Auseinandersetzung mit nicht absehbarem Ausmaß macht die Türkei und die türkischen Streitkräfte sowohl im Westen als auch im Osten zum unveränderlichen Mittelpunkt strategischer Kalkulationen.

Noch vor kaum einem Jahr war die Türkei in NATO-Foren schrittweise Ausgrenzungen ausgesetzt. Bei einer NATO-Übung in Norwegen wurde eine Zielscheibe mit dem Bild Atatürks verwendet. Um die Türkei auszuschließen, wurde in osteuropäischen Ländern sogar eine parallele NATO-Struktur unter dem Namen „Bukarest-Neun“ ins Leben gerufen.
Die Zeiten haben sich geändert.

In den vergangenen Tagen sind Land-, See- und Luftstreitkräfte der Türkischen Streitkräfte vom Marinestützpunkt Foça bei Izmir in neue Horizonte aufgebrochen. Foça führt erstmals in seiner Geschichte die NATO-Amphibische Einsatzgruppe.
In diesem Rahmen werden die zur „Anatolischen Einsatzgruppe“ gehörenden türkischen Schiffe unter dem Kommando des Landungsschiffes TCG Anadolu vom Oberbefehlshaber der Marine, Admiral Kadir Yıldız, von Foça aus in Richtung Atlantik verabschiedet.
Die „Anatolische Türkische Marineeinsatzgruppe“, die bis zum 23. April für drei Monate unterwegs sein wird, steht unter dem Kommando von Konteradmiral Mevlüt Savaş Bilican.

Eine schwimmende Armee

Bis zum 30. Juni 2026 werden türkische Offiziere gleichzeitig drei bedeutende Aufgaben innehaben: das Kommando über die NATO Response Force, die NATO Amphibische Einsatzgruppe sowie das Kommando der Landungskräfte.
Unsere Schiffe, die auch Einheiten der in Tekirdağ stationierten 66. Mechanisierten Brigade an Bord haben, werden nicht nur von der Adria bis in den Atlantik und von der Ostsee bis ins Mittelmeer verlegen und an zahlreichen Übungen teilnehmen. Parallel dazu werden sie in Spanien, Portugal, Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland in der Türkei hergestellte militärische Ausrüstung präsentieren.

An der Übungsserie „STEADFAST DART 2026“, an der unter anderem Deutschland, Italien, Frankreich, das Vereinigte Königreich und Spanien beteiligt sind, nehmen insgesamt 11 Länder teil: rund 10.000 Soldaten, etwa 1.500 Landfahrzeuge, fast 200 gepanzerte Fahrzeuge, rund 30 Kampfflugzeuge, 15 Hubschrauber und 15 Kriegsschiffe.
Das Rückgrat der Übungen bilden die mechanisierten Infanterieeinheiten und gepanzerten Fahrzeuge der international erfahrenen, ausgewählten 66. Brigade der Türkei. Denn die Türkei beteiligt sich an NATO-Übungen mit einer brigadegroßen Streitkraft von über 1.500 Soldaten aus Heer, Luftwaffe und Marine. Die 66. Mechanisierte Brigade verlegte 2017 über Bulgarien und Rumänien nach Polen und verfügt über umfangreiche internationale Einsatzerfahrung.

Mit Spannung erwartet

Zu diesem Zweck befinden sich an Bord des amphibischen Flugzeugträgers TCG Anadolu sowie der Kriegsschiffe TCG Derya, TCG İstanbul und TCG Kınalıada insgesamt 22 gepanzerte Fahrzeuge, 123 verschiedene Militärfahrzeuge, ein Amphibisches Marineinfanteriebataillon, 9 Mehrzweck- und Kampfhubschrauber, 3 Bayraktar-TB-3-SİHA sowie insgesamt 1.500 Soldaten.
Die Streitkräfte der Türkei und Deutschlands stellen die Hauptkomponenten der Übung dar. Deutschland ist Gastgeber mit 4.000 Soldaten, 800 Landfahrzeugen, 60 gepanzerten Fahrzeugen, 25 Hubschraubern, 10 Transportflugzeugen und 3 Unterstützungsschiffen.

Die türkischen Schiffe mit rund 900 Seeleuten werden in den kommenden Tagen in den Häfen von Emden und Hamburg anlegen. Türkische Militäreinheiten werden nicht nur in den Häfen, sondern auch in zahlreichen deutschen Städten wie Hohne, Münster, Wunstorf und Leipzig zu sehen sein.
All dies zusammengenommen sorgt dafür, dass der fast dreimonatige Aufenthalt einer derart großen türkischen Streitmacht in Europa unter den in Europa lebenden Türken große Begeisterung ausgelöst hat. Mit der Präsenz türkischer Soldaten in den europäischen Medien und gemeinsamen Bildern mit den Türken in Deutschland werden zugleich zahlreiche Debatten entstehen. Schon jetzt lässt sich sagen: Von der Verteidigungsfähigkeit der Bundeswehr bis zur Frage „Was haben türkische Soldaten in Deutschland zu suchen?“ stehen viele Diskussionen bevor.

Ostsee-Patrouille

Die Ostsee-Mission der Türkischen Streitkräfte beschränkt sich nicht nur auf Übungen. Auch Patrouillenflugzeuge der Türkischen Luftwaffe sind im Rahmen der NATO Baltic Air Policing Mission auf dem Luftwaffenstützpunkt Ämari in Estland im Einsatz. Die Türkei hatte zuvor bereits 2006 in Litauen und 2021 in Polen entsprechende Aufgaben übernommen.
Die NATO und Deutschland messen der Verteidigung des Ostseeraums besondere Bedeutung bei. Denn in dieser Region führen russische Schiffe fortlaufend provokative Aktivitäten durch, die bis zur Belästigung deutscher Städte reichen. Deutschland hatte bereits in Hamburg und Umgebung Übungen zur „irregulären Kriegsführung“ durchgeführt, um auf mögliche soziale Unruhen vorbereitet zu sein.

Polizei schoss auf Soldaten

Man sollte diese Übungen nicht auf die leichte Schulter nehmen. Vor Kurzem ereignete sich in Deutschland, wo die Abgrenzung zwischen militärischen und zivilen Zuständigkeiten mitunter unklar ist, ein bemerkenswerter Vorfall. In der Nähe von München führte eine Militäreinheit nachts einen Alarm aus und verlegte ins Gelände. Bürger meldeten, sie hätten nachts im Wald Personen mit Langwaffen gesehen, und riefen den Polizeinotruf „110“. Die eintreffenden Polizeikräfte forderten die bewaffneten Personen auf, ihre Waffen niederzulegen. Als keine Reaktion erfolgte, eröffneten sie das Feuer. Ein deutscher Soldat wurde schwer verletzt.
Ähnliche Kompetenzkonflikte zeigen sich auch bei den täglich auftretenden „Drohnen“-Vorfällen im deutschen Luftraum. Um eine Überschattung der zivilen Verwaltung zu vermeiden, wird erwogen, der Polizei den Auftrag zum Abschuss von Drohnen zu erteilen.

Der türkische Soldat kommt in ein Land, in dem in einer Phase bemerkenswerter Spannungen in den deutsch-amerikanischen Militärbeziehungen intensive Debatten über militärische Zuständigkeiten geführt werden. Denn zu Beginn des neuen Jahres sorgten die Aussagen des im deutschen Heer dienenden Generals Christian Freuding für Aufsehen.

Hallo Washington

General Freuding erklärte, dass der seit 70 Jahren bestehende direkte militärische Kontakt zwischen Berlin und dem Pentagon faktisch abgebrochen sei. Während Berlin viele Informationen nicht mehr direkt vom Pentagon, sondern nur noch indirekt über die deutsche Botschaft in Washington erhalte, wirft dies innerhalb der NATO Fragen zu Koordination und Vertrauen auf.
Eine ähnliche Vertrauenskrise ist bekanntlich zwischen Europa und den USA in der Grönland-Krise zu beobachten. Möglicherweise lässt sich diese Wahrnehmungs- und Vertrauenskrise auch auf Syrien ausweiten.

Erste Anzeichen für einen Wandel in den Beziehungen zwischen der Türkei, der NATO und Deutschland waren bereits im Februar 2025 auf der Münchner Sicherheitskonferenz zu erkennen. Deutschland brachte dort live im Fernsehen – unter Tränen – zum Ausdruck, von den USA im Stich gelassen worden zu sein. Nun stehen wir erneut am Vorabend einer Münchner Sicherheitskonferenz. In Davos über die wirtschaftliche Ordnung der Welt diskutierende Staats- und Regierungschefs werden diesmal nach München kommen, um über die künftige Sicherheitsarchitektur zu sprechen. Die USA haben bereits angekündigt, nur mit einer bescheidenen Delegation vertreten zu sein.

Die NATO und Europa brauchen nicht nur türkische Truppen. Auch die Erfahrung und die strategische Weitsicht der Türkei sind für die Zukunft Europas von großer Bedeutung. Während die Türkei einerseits gemeinsam mit Saudi-Arabien und Pakistan im Bab-al-Mandab-Seeweg Patrouillen fährt und Initiativen für die Einheit Syriens ergreift, leistet sie andererseits einen Beitrag zur Verteidigung der Ostsee. Wenn auch spät, wird die Realitätsnähe der Türkei anerkannt. Die Türkei ist in Syrien vor Ort präsent – und zeigt nun auch auf dem Marinestützpunkt Emden in Deutschland Flagge.

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