„Atlantikmauer“ von den USA nach Europa
Von Ahmet Özay
Nach dem Ukrainekrieg, der Energiekrise und den Spannungen mit Venezuela ist nun auch die Grönland-Frage auf der Agenda. Der „Weiße Mann“ hat es offenbar auch auf diese bislang unberührte Insel abgesehen. Der Wandel in der amerikanischen Außenpolitik hat Grönland ins Zentrum des strategischen Wettbewerbs zwischen Europa, China und Russland gerückt. Während Washington die Insel neu als Frage der nationalen Sicherheit interpretiert, versucht China, in der Region Fuß zu fassen, und Russland strebt nach Einfluss und Kontrolle im hohen Norden.
EUROPA-ZUGEHÖRIG, AMERIKA-NAH
Grönland weckt Trumps Begehrlichkeiten. In politischen Kreisen sorgen Aussagen der Trump-Regierung für Aufsehen, wonach im Falle eines Scheiterns von Verhandlungen sogar eine Besetzung der Insel denkbar sei. Die Abfolge schlechter Nachrichten in der ersten Woche des neuen Jahres wird in Europa bereits als Vorbote kommender Krisen wahrgenommen. Umfragen zufolge lehnen 90 Prozent der Inselbevölkerung die amerikanischen Pläne ab – doch dies vermag die Nervosität in Europa kaum zu dämpfen. Denn wiederholte Erklärungen aus Washington, wonach eine militärische Option „auf dem Tisch“ liege, zwingen europäische Staaten dazu, selbst militärische Gegenmaßnahmen zu erwägen. Für den Fall eines amerikanischen Eingreifens rückt sogar die Schließung US-amerikanischer Militärstützpunkte in Europa auf die politische Tagesordnung.
GEMEINSAME BOTSCHAFT AUS EUROPA
Auf die wachsenden Sorgen reagierten sieben europäische Staats- und Regierungschefs mit einer gemeinsamen Erklärung. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Deutschlands Friedrich Merz, Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, Polens Premier Donald Tusk, Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez, der britische Premierminister Keir Starmer sowie Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen bekundeten offen ihre Unterstützung für Dänemark und Grönland. In der Erklärung wurde betont, dass Entscheidungen über Angelegenheiten, die Dänemark und Grönland betreffen, ausschließlich diesen beiden zustehen. Zugleich wurde hervorgehoben, dass das Königreich Dänemark Teil der NATO ist.
HARTER TON AUS WIEN
Dass Europas Solidarität mit Dänemark nicht bei einer bloßen Erklärung bleiben wird, zeichnet sich ab. Eine der schärfsten politischen Reaktionen kam aus Österreich. Vizekanzler Andreas Babler forderte, die Europäische Union müsse gegenüber der US-Regierung über einen starken „Katalog abschreckender Maßnahmen“ verfügen. Dieser dürfe sich nicht auf diplomatische Warnungen beschränken. Genannt wurden unter anderem harte Sanktionsdrohungen gegen US-Technologiekonzerne, Strafzölle auf Agrarprodukte aus bestimmten US-Bundesstaaten sowie Einschränkungen für amerikanische Investitionen im Infrastrukturbereich. Bablers Aussagen wurden als offene Herausforderung an Washington gewertet.
MARINERA-RAZZIA
Zu den Spannungen zwischen den USA und Europa kam ein weiterer Vorfall hinzu: der Einsatz amerikanischer SAT-Kommandos gegen das russische Schiff Marinera. Der unter russischer Flagge fahrende Tanker wurde in internationalen Gewässern zwischen Großbritannien und Island auf Grundlage eines US-Gerichtsbeschlusses von der US-Marine und der Küstenwache gestoppt und beschlagnahmt. Russland entsandte daraufhin Kriegsschiffe in die Region, um das Schiff zu schützen. Auch wenn sich der Vorfall auf hoher See ereignete, war der europäische Operationsort ein militärisches Signal – nicht nur an Russland, sondern auch an Europa. Er gilt als Vorzeichen möglicher militärischer Schritte, die nach Venezuela nun Grönland betreffen könnten.
WASHINGTONS STRATEGIE
Nach der Monroe-Doktrin gilt der amerikanische Kontinent als frei von militärischen und politischen Eingriffen europäischer und anderer externer Mächte. Die heutige Reduzierung der US-Militärlast in Europa und die Verlagerung des strategischen Fokus auf die Nordhalbkugel werden daher als eine Anpassung dieser Doktrin an das 21. Jahrhundert interpretiert. Während im südlichen Atlantik Venezuela und Kuba hervortreten, verfolgt Washington das Ziel, mitten im Ozean eine „Atlantikmauer“ zu errichten. Die USA ziehen sich schrittweise militärisch aus Europa zurück und konzentrieren sich auf eine neue Sicherheitsarchitektur entlang der Linie Venezuela–Kuba–Grönland. Mit anderen Worten: Statt einer „Berliner Mauer“ entsteht eine „Atlantikmauer“, die Amerika selbst schützen soll. Der Schiffsüberfall zeigt jedoch, dass Washington nicht nur auf Abschottung setzt, sondern auch militärische Dynamik und sogar offene Konfrontationen in Kauf nimmt.
WIDERSPRÜCHLICHE SIGNALE
Die zu Wochenbeginn diskutierte Frage „Militärische Intervention oder Kauf?“ scheint damit an Aktualität verloren zu haben. Denn das Weiße Haus schließt einen militärischen Eingriff in das europäische Territorium Grönlands inzwischen nicht mehr offen aus. Sprecherin Karoline Leavitt erklärte: „Der Präsident und sein Team prüfen eine Reihe von Optionen, um dieses wichtige außenpolitische Ziel zu erreichen. Selbstverständlich bleibt der Einsatz des US-Militärs für den Oberbefehlshaber jederzeit eine Option.“ Diese Aussagen rücken in Europa die Notwendigkeit militärischer Vorsorgemaßnahmen in den Vordergrund. Die New York Times berichtet zudem, Präsident Trump habe zu Wochenbeginn einen Plan zur Übernahme der Insel reaktiviert. Nicht nur in Europa, sondern auch im US-Kongress wächst die Kritik an der Trump-Regierung. Dänemarks Premierministerin Mette Frederiksen betont wiederholt, dass die USA „kein Recht haben“, dänisches Territorium zu annektieren, und fordert ein Ende der Drohrhetorik. Trump hingegen zeigt sich unbeeindruckt und erklärt erneut: „Aus Gründen der nationalen Sicherheit brauchen wir Grönland.“
MILITÄRISCH-DIPLOMATISCHE SIGNALE AUS PARIS
In den letzten 24 Stunden kamen die französischen Reaktionen weniger aus dem militärischen als aus dem außenpolitischen Lager. Gegenüber Reuters erklärte Außenminister Jean-Noël Barrot, man arbeite gemeinsam mit Verbündeten an einem „Antwortplan“ für den Fall eines
Kommentare werden geladen...
Verwandte Artikel
Eine Fahrt auf den sieben Meeren
„Die Türkischen Streitkräfte, die von Somalia bis Libyen und vom Roten Meer bis zum Indischen Ozean in einem weiten Einsatzgebiet operieren, werden in den kommenden drei Monaten im Geiste der 'sieben Meeren‘ neue Horizonte in der Adria, im Atlantik und in der Ostsee erschließen.
WeiterlesenRealpolitik und Geopolitik beendeten die Anti-Türkei-Haltung
Bundeskanzler Merz besuchte diese Woche die Türkei. Realpolitik oder geopolitischer Realismus hat den dogmatischen Anti-Türkei-Prozess beendet, der in den europäischen Hauptstädten das letzte Jahrzehnt geprägt hat.
WeiterlesenMerz' Prestigebesuch
Bundeskanzler Friedrich Merz kommt heute in die Türkei. Verteidigung, Handel, Migration und Außenpolitik werden die Hauptthemen sein. Für Merz, der in der deutschen Innenpolitik unter Druck steht, ist dieser Besuch sowohl für das Prestige als auch für die Stärkung seiner Position in Europa von entscheidender Bedeutung.
WeiterlesenAllianz gegen AfD hat gewonnen
Die zweite Runde der Kommunalwahlen im bevölkerungsreichsten Bundesland Nordrhein-Westfalen endete mit dem Erfolg von Mitte-Rechts und Sozialdemokraten. Die rechtsextreme AfD konnte keinen einzigen Bürgermeisterposten gewinnen.
Weiterlesen